Wife Carrying – ein Wettkampf, der Nähe verlangt


Auf den ersten Blick wirkt es fast wie ein Scherz. Männer, die mit ihren Partnerinnen auf dem Rücken durch Schlamm, Sand und Wasser laufen. Stolpern, rutschen, lachen. Und doch ist Wife Carrying kein Social-Media-Gag oder Dorffest-Event, sondern eine offiziell anerkannte Wettkampfsportart. Spätestens wenn man die Stoppuhren, die Regeln und die ernsthaften Gesichter der Teilnehmenden sieht, wird klar: Hier geht es um mehr als nur um Spaß.

Was für viele absurd erscheint, hat in Finnland längst Tradition. Und genau wie bei anderen kuriosen Sportarten stellt sich auch

hier die Frage, wie ernst ein Wettkampf sein kann, bei dem Menschen andere Menschen tragen.

Wife Carrying - Ein Bild auf dem ein Mann eine Frau auf dem Rücken trägt und dabei ein Parkour läuft

Was genau ist Wife Carrying?

Wife Carrying, auf Finnisch Sonkajärven Eukonkanto, ist ein Wettkampf, bei dem Männer eine Frau über einen Hindernisparcours tragen müssen. Der Name ist dabei etwas irreführend. Die getragene Person muss weder verheiratet sein noch in einer Beziehung zum Träger stehen. Wichtig ist nur, dass sie mindestens 49 Kilogramm wiegt.

Die Strecke ist in der Regel 253,5 Meter lang und besteht aus Sand, Gras, Wassergräben und kleinen Hürden. Gewonnen hat das Team, das den Parcours am schnellsten bewältigt – ohne die „Last“ zu verlieren.

Vom Brautraub zum Wettkampfsport

Die Ursprünge von Wife Carrying sind nicht ganz unumstritten. Eine verbreitete Theorie führt den Sport auf finnische Traditionen des 19. Jahrhunderts zurück. Damals sollen Männer ihre Stärke demonstriert haben, indem sie Frauen aus benachbarten Dörfern entführten und davontrugen. Ob diese Geschichten historisch korrekt sind oder eher Legenden, lässt sich heute kaum noch eindeutig klären.

Fest steht jedoch: Aus diesen Erzählungen entwickelte sich im Laufe der Zeit ein Wettbewerb. Seit den 1990er-Jahren werden in Sonkajärvi regelmäßig Weltmeisterschaften ausgetragen. Was einst als kurioser Brauch begann, ist heute ein internationaler Wettkampf mit festen Regeln, auch wenn dieser etwas unter dem Radar liegt.

Wife Carrying - Ein Mann trägt in der verbreiteten Targe-Technik "Estonian Carry" ein Frau

Technik schlägt Muskelkraft

Entgegen der Erwartung gewinnt beim Wife Carrying nicht automatisch der stärkste Teilnehmer. Entscheidend ist die Technik. Besonders verbreitet ist der sogenannte „Estonian Carry“, bei dem die Frau kopfüber auf dem Rücken getragen wird, die Beine über die Schultern gelegt. Diese Position senkt den Schwerpunkt und erleichtert das Laufen. Stark genug muss der Mann dennoch sein.

Auch Teamarbeit spielt eine große Rolle. Rhythmus, Balance und gegenseitiges Vertrauen entscheiden oft über Sieg oder Niederlage. In diesem Punkt unterscheidet sich Wife Carrying kaum von anderen Teamsportarten.

Sicherheit, Regeln und Grenzen

So locker der Sport auf den ersten Blick wirkt, er ist klar geregelt. Helme sind für die Träger Pflicht, und auch die Sicherheit der getragenen Person steht im Fokus. Stürze gehören zwar dazu, schwere Verletzungen sind jedoch selten.

Trotzdem bleibt ein gewisser Zwiespalt. Kritiker sehen im Wife Carrying eine problematische Darstellung von Geschlechterrollen. Befürworter argumentieren, dass der Sport freiwillig, humorvoll und partnerschaftlich ausgeübt wird. 

Warum Wife Carrying bis heute begeistert

Vielleicht liegt die Faszination von Wife Carrying genau in diesem Spannungsfeld. Der Sport nimmt sich selbst nicht zu ernst, verlangt aber dennoch echte Leistung. Er verbindet Wettbewerb mit Humor und Tradition mit moderner Eventkultur.

Am Ende bleibt Wife Carrying eine Disziplin, die zeigt, wie unterschiedlich Sport verstanden werden kann. Hier reicht es, gemeinsam ins Ziel zu kommen – selbst wenn der Weg dorthin etwas ungewöhnlich ist.

Wer sich ein Bild davon machen will, wie Wife Carrying im Wettkampf abläuft, kann dies in diesem Video nachvollziehen.

Fazit

Wife Carrying verbindet Humor mit echtem sportlichem Anspruch. Hinter der ungewöhnlichen Idee steckt ein klar geregelter Wettkampf, der Technik, Vertrauen und Teamarbeit verlangt. Der Sport nimmt sich selbst nicht zu ernst, bleibt aber dennoch leistungsorientiert. Genau diese Mischung erklärt seine anhaltende Beliebtheit.

Wenn dich traditionsreiche Sportarten mit ungewöhnlicher Technik interessieren, lohnt sich auch ein Blick auf Fierljeppen, bei dem Athleten mithilfe eines langen Stocks spektakulär über Wassergräben springen.